Die Heilung von Bill Thetford

Eine enge Freundin von Bill Thetford, Co-Schreiber des Kurses, Carol Howe, erzählt uns, was wir alle aus seinem Leben und Erwachen lernen können.

(Übersetzung aus: Miracle Worker, Ausgabe 99, Mar/Apr 2011)

Möchtest du ein Leben ohne Konflikte führen? Wir können uns nach wie vor durch Bill Thetford, der wusste, wie das geht, dahin geleiten lassen. Die Bibel sagt: „Möge der Geist, der in Jesus Christus ist (im Heiligen Geist), auch in euch sein.“ Unsere moderne Version könnte lauten: „Lasst die Wahl, die Bill Thetford traf, auch unsere sein.“ Bills Lebensgeschichte ist nicht nur aus menschlicher Sicht fesselnd, sondern – noch wichtiger – auch wir können den einfachen Schritten nachfolgen, die er gegangen ist, um frei von Konflikten zu werden, zu erwachen.

Bill wollte nur ein ganz normaler Mensch sein und Gleichheit mit jedem finden. Nur indem wir uns gleich sind, ist seine Geschichte von Bedeutung für uns. Wenn wir einfach einige Details verändern, erkennen wir in seinem unseren eigenen Weg und können feststellen, dass seine Antworten unsere sind. Bill besaß Begabungen und Vorzüge, die viele von uns nicht haben, die es ihm in vielen Lebenslagen leichter machten als den meisten von uns. Diese Vorzüge waren jedoch auch gepaart mit Anfechtungen, die wohl manchen jeglichen Lebensmut genommen hätten. Er war ein erstaunlicher Mensch, aber er war menschlich. So bin ich mir sicher, dass er uns gerne übermitteln würde, dass die Charaktereigenschaften, die er in sich herausbildete und die ihn schließlich heim führten, sehr wohl für jedermann erreichbar sind: eine tägliche unerschütterliche Entschlossenheit, Konflikte – die Existenzgrundlage des Ego – loszulassen, und die Bereitwilligkeit, den Geistesfrieden zum vorrangigen Ziel jeder Begegnung zu machen.

Bill hatte kein leichtes Leben. Sechs Monate nach dem plötzlichen und schrecklichen Tod seiner geliebten Schwester (er war sieben und sie neun), erkrankte Bill an Scharlach und bald danach an rheumatischem Fieber, was zu einem schwerwiegenden Herzleiden führte. Sein beeinträchtigtes körperliches Herz spiegelte sein durch den Tod seiner Schwester gebrochenes Herz wider, erschwert noch durch die Ahnung des kleinen Jungen, sein Tod wäre seinem Vater wohl lieber gewesen als der seiner Schwester. Die ‚Schuld des Über-lebenden‘ lastete viele Jahre lang schwer auf ihm. Eine grundlegende metaphysische Wahrheit ist, dass sich ein innerer Konflikt in äußeren Umständen widerspiegelt – sie bilden ein untrennbar Ganzes. Als er erwachsen geworden war, promovierte und seine Laufbahn begann, wurde diese angesammelte Schuld und Verunsicherung in viele Bereiche seines sozialen und beruflichen Lebens hineinprojiziert, mit massiven Auswirkungen.

Seinen schwerwiegendsten Konflikt durchlebte er mit seiner Mitarbeiterin und Co-Schreiberin von Ein Kurs in Wundern, Helen Schucman. Obwohl sie einander tief liebten und gegenseitig ihre Begabungen schätzten, projizierten sie ihr Schuldgefühl und ihren Ärger unerbittlich aufeinander und bekämpften sich fortwährend. Helen hatte, nach allem was man weiß, ihren Mann sehr gern, und sie war 14 Jahre älter als Bill. Dennoch, und obwohl Bill schwul war, wünschte sie sich verzweifelt eine romantische Beziehung mit ihm, die aber niemals zustande kam. Zusätzlich zur allgemeinen akademischen Rivalität trug diese unerwiderte Liebe auf Helens Seite sehr zu ihrer beiderseitigen Unfähigkeit bei, miteinander auszukommen – außer wenn es um den Kurs ging. (Sie hatten sieben Jahre zusammengearbeitet, bevor das ACIM-Diktat begann). (Anm.: ‚ACIM‘ = ‚A Course in Miracles‘, dt. EKIW).

All jene, die Bill und Helen aus der Zeit der Niederschrift des Kurses kannten, waren ergriffen von ihrer Fähigkeit, den Kampf sofort einzustellen, wenn sie am Kurs arbeiteten. Statt endlos herumzustreiten – normalerweise war es Helen, die angriff, während sich Bill verteidigte –, wurden sie augenblicklich geduldig, sanft, kooperativ, und unterstützten sich gegenseitig. Wenn sie danach zu ihren beruflichen Aufgaben zurückkehrten, wurde der Kampf wieder aufgenommen. Nichts anderes offenbart so dramatisch die Tatsache, dass Konflikt eine Wahl ist. Sie ärgerten sich oft übereinander, aber sie fanden doch immer wieder zueinander; sie betrachteten ACIM als heiligen Schatz und ließen nicht zu, dass er durch ihren Groll beeinträchtigt wurde. Sie wählten, liebevoll zu sein, und sie waren es, und jedem ist ihr Bemühen zugutegekommen.

Unsere Wahlen

Wir müssen auf unsere Wahlen schauen; wir haben dem Geistesfrieden keine Priorität eingeräumt. Wir verhalten uns, als ob sich der Konflikt uns aufgedrängt hat, als ob er ungebeten kommt oder irgendwie unvermeidlich ist. In vielen Fällen wird er einfach bevorzugt, wie vehement wir dieser Behauptung auch immer widersprechen mögen. Schließlich ist Konflikt das grundlegendste Bedürfnis des Egos. Unsere Konflikte scheinen uns zu definieren, und wir fragen uns insgeheim, was wir eigentlich ohne sie wären. Es scheint ein Opfer zu bedeuten, Groll loszulassen, als wenn dann die ‚anderen‘ gewinnen, was sie unserer Meinung nach gar nicht verdient haben, und so bleiben wir dann mit einem komischen Gefühl zurück, irgendwie schwach oder erbärmlich zu sein. Es ist etwas Verführerisches daran, das ‚unschuldige Opfer‘ zu sein, und endlos unsere Geschichten zu erzählen, dass uns Unrecht angetan wurde. Und darunter sitzt die tiefgreifende Angst vor der Stille, wo wir mit unserem eigenen Schmerz und Leid konfrontiert werden. Und doch scheint das Drama des Konflikts das kleinere von zwei Übeln zu sein.

Dennoch ist, wie durch Bill überdeutlich gezeigt wurde, Konflikt nur eine Wahl – und zwar eine elende –, die zur Folge hat, dass wir uns klein fühlen, im Mangel, einsam und ängstlich. Diese Entscheidung beruht auf Gewohnheit, auf unseren frühen Prägungen, auf ungeprüften Vorstellungen über uns selbst – also auf tragische Fehlinformationen.
Auch Bill selbst hat Konflikt stillschweigend als einen unvermeidlichen Aspekt des Daseins vorausgesetzt, und sein Leben war trotz seiner Berühmtheit und seiner Brillanz erwiesenermaßen ein ziemliches Desaster. Dessen ungeachtet bat er schließlich um einen besseren Weg, und seine Bitte wurde mit A Course in Miracles beantwortet. Obwohl die Voraussetzungen für einen geistigen Wandel entmutigend schienen, war er in seiner Entschlossenheit, es zu versuchen, unerschütterlich. Wie wohl die meisten von uns machte er am Anfang kleine Übungsschritte und bezweifelte seine Fähigkeit, seinen Geist so vollständig zu wandeln. Aber er orientierte sich an der Regel ‚Ein Tag zur Zeit‘ und bemühte sich beharrlich. Jahrelang übte er auf diese Weise parallel zum Erscheinen des Kurses, und tatsächlich wurden sowohl persönliche als auch berufliche Beziehungen geheilt. Als der Kurs beendet war, war die ganze Abteilung des Instituts ein verwandelter Ort, aus früheren Feinden waren nun Freunde geworden – alle außer Helen. Bills Sekretärin, die nicht die Bedeutung dessen erkannte, was sie mitbekam, rief regelmäßig aus: „Oh, Dr. Thetford hat gerade ein weiteres Wunder bewirkt.“ Oder ein enger Kollege, der Vorstand der psychologischen Abteilung an der Universität von Chicago, sagte: „Ah, sieh da Bill, er wandelt mal wieder über das Wasser.“

Bill gelang es, Helen über ihr normales Ruhestandsalter von 65 Jahren hinaus beschäftigt zu halten, um noch offene Fragen bezüglich der Herstellung des Kurses abzuwickeln. Wenn sie erst einmal endgültig pensioniert war, das spürte Bill, könnte auch er nicht länger in Columbia bleiben. Er war durch eine zehn Jahre dauernde, lebensverändernde spirituelle Erneuerung gegangen, und einfach seine weltlichen Aufgaben wieder-aufzunehmen, als ob nichts geschehen wäre, war unmöglich, ein Schritt zurück. Er nahm ein Sabbatjahr, ließ sich dann beurlauben und ging schließlich in den vorzeitigen Ruhestand.

Im Jahre 1978 führten Bill verschiedene Umstände nach Kalifornien, wo er seinen Lebensabend in den ihm noch verbleibenden zehn Jahren verbrachte. Anfangs versuchte er dort, ohne Erfolg, sich vom Kurs zu distanzieren, sich umzuorientieren und zu schauen, was noch anstehen könnte. Die Leute fragten ihn dauernd: „Okay, Bill, nun bist du ja pensioniert, was machst du denn so?“ Er antwortete immer, dass er Vergebung übe, was viele verwirrt zurückließ, weil sie erwartet hatten, dass er etwas tun würde. Es konnte einfach keiner verstehen, dass, sich jeden Tag Vergebung als Ziel zu setzen, jeden Tag eine Wahl zu treffen, die für alle Situationen und Menschen vollständig zu gelten hatte, ein gewaltiges Unterfangen war und von unschätzbarem Wert für das kollektive Bewusstsein. Als er die Wahl für den Frieden des Geistes über alles andere stellte, wurde er leichter, sogar lustiger – soweit möglich – und freier. Als er seinen Groll losließ, gelangte er aus dem Nebel der Egozentrik hinein in die klare und wortlose Erfahrung von Einheit. Bill war der erste vollständig erfolgreiche Schüler des Kurses. Er war nun in einem erwachten Zustand von grenzenloser Freude und Frieden bis zum Ende seines Lebens. Und wir können ihm darin folgen.

Um Hilfe bitten

Es bleibt Bills unvergängliches Verdienst, dass er sich nicht scheute, um Hilfe zu bitten. Wenn er sich in Not befand, betete er ein einfaches Gebet: „Hilf mir“, oder manchmal die längere Version: „Hilf mir, das zu tun“, ohne Bezugnahme auf ein Subjekt oder Objekt. Er brauchte keine bestimmten Worte, weil es immer um die Bereitwilligkeit ging, jeden Augenblick als neu und ganz anzusehen – ohne Urteil, ohne Vergangenheit, ohne ein Programm. Es ist für uns wichtig, zu begreifen, dass ihn nicht sein intellektuelles Verstehen heim führte, sondern seine Bereitwilligkeit, immer wieder neu zu beginnen – jeden Tag. Er stellte sich so oft wie nötig der Tatsache, dass an Groll und Schuld festhalten aussichtslos war, immer schmerzhaft und für jeden eine Verlustsituation war. Eine seiner Lieblingspassagen war die aus dem letzten Abschnitt des Textbuches mit der Überschrift ‚Wähle noch einmal‘: „Prüfungen sind nur Lektionen, die du nicht gelernt hast und die dir nochmals dargeboten werden, so dass du dort, wo du vordem eine fehlerhafte Wahl getroffen hattest, jetzt eine bessere treffen und so allem Schmerz entrinnen kannst, den dir das brachte, was du vordem wähltest.“ (T-31.VIII. 3:1-2).

Ich glaube, der Grund für das Wiederaufleben des Interesses an Bills Rolle in ACIM (EKIW, s.o.) ist, dass immer mehr Menschen bereit sind, seinem Weg zu folgen, der uns vormacht, uns unserer Angst zu stellen und sie loslassen. Wir brauchen sein menschliches Beispiel, um zu erkennen, dass von uns nicht verlangt wird, uns zu opfern, wenn wir Vergebung praktizieren. Sein Leben zeigt, dass es sich lohnt. Wir müssen unsere Abwehrmechanismen, unsere Anhaftungen und wertlosen Investitionen aufgeben, wenngleich nicht zwangsläufig auch unsere weltlichen Besitztümer, sofern sie hilfreich für unsere Gabe des Dienens sind. Wir stellen unseren Groll über alles andere, so als ob es sich um ein wertvolles Erbstück handelt, aber wir können anderen Geistes werden. So wie Bill den Wert erkannte, bei seinen ‚falschen Entscheidungen‘ für Groll und Selbstverurteilung um Hilfe zu bitten, können wir das auch tun. Wenn Bill eine tiefgehende Funktion hatte, dann haben wir sie auch. Und letztlich wird uns verheißen, dass das Annehmen des Friedens, der alles Verstehen übersteigt, so wie er es tat, auch uns heim führen wird.

Originaltitel: ‚The Healing of Bill Thetford’

Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung von „Miracle Network in the UK“,
das Schüler des ACIM (deutsch: EKIW) seit 1994 unterstützt.
Entnommen aus ihrem Magazin Miracle Worker,
Ausgabe 99, Mar/Apr 2011.
Siehe www.miracles.org.uk.

Ins Deutsche übersetzt von Hans Owesen

3 Gedanken zu „Die Heilung von Bill Thetford“

  1. Vielen Dank, lieber Hans für deine Übersetzung! Auch wenn wir es vom Kurs her ja „wissen“ (müssten), dass wir uns jederzeit erlösen können, so finde ich es sehr schön, wenn ein Bruder – mit allen „menschlichen „Schwächen“ eines starken Egos – es uns so wunderbar vorgezeigt hat, wie man durch ständige Vergebung zu wahrer Freude und zum Frieden GOTTES findet.

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