Lerne, auf die Gegenwart zu warten …

Auszug aus der Session vom 16. März 2013, morgens (zu L 75)

von Michael Ostarek

»Das Licht ist gekommen. Ich habe der Welt vergeben.«

»Verweile heute nicht in der Vergangenheit. Halte deinen Geist völlig offen, reingewaschen von allen vergangenen Gedanken und rein von jeder Vorstellung, die du gemacht hast. Heute hast du der Welt vergeben. Du kannst sie jetzt betrachten, als hättest du sie nie zuvor gesehen. Du weißt noch nicht wie sie aussieht. Du wartest nur darauf, dass sie dir gezeigt wird. Während du wartest, wiederhole langsam und mit vollkommener Geduld mehrere Male:

»Das Licht ist gekommen. Ich habe der Welt vergeben.«

Was heißt eigentlich warten, Bruder? Hast du gelernt, zu warten? Es gibt wenige Menschen die warten können. Die also tatsächlich warten gelernt haben. Nicht, ich mache inzwischen was anderes, denn mir ist langweilig, das ist nicht warten. Warten heißt, du machst nichts anderes als warten. Schau mal, ob du warten kannst, oder ob du, wenn jemand sagt, warte, ob du dann dein Smartphone nimmst, ob du ein Buch liest, ob du sagst: „Ach dann kann ich ja noch schnell das tun.“ Das ist nicht warten. Warten ist, dass du tatsächlich wartest und nichts anderes tust. Warum? Weil warten eine uralte spirituelle Übung ist, wo du in deinem Geist alle ablenkenden Gedanken, die nichts mit dem zu tun haben, worauf du wartest, dass du die berichtigst.

Ich bin als Kind schon in Heime gekommen und habe oft auf meine Eltern gewartet. Wenn ich mich abgelenkt habe, habe ich nicht auf sie gewartet, Es ging mir dann auch schlecht, wenn sie nicht gekommen sind. Und sie sind oft nicht gekommen, sie sind monatelang nicht gekommen. Obwohl ich gewartet habe. Wenn ich aber wirklich gewartet habe, dann habe ich in meinem Geist, auch die Gedanken, die werden ja wieder nicht kommen … Von diesen Gedanken wollte ich mich ablenken, diese Gedanken musste ich berichtigen.

Das ist eigentlich die Idee der Adventszeit. In der Adventszeit wartest du auf Weihnachten. Was sollst du dann nicht machen? Musik hören, tanzen gehen, Spiele spielen. Du sollst warten. Warum? Weil du einen Platz in dir bereiten musst. In dem Warten sollst du bemerken, was dich alles ablenkt, womit du dich ansonsten immer beschäftigst, immer. Aus dem Grund ist es manchmal hilfreich, wenn du jemanden hilfst, der etwas tut und er braucht dich eine Viertelstunde lang nicht. Er braucht dich eine halbe Stunde lang nicht. Wenn du nicht warten gelernt hast, gehst du weg, schaust woanders hin, beschäftigst dich mit etwas anderem. In dem Moment, wo er dich braucht, in dem Moment, wo er sagt: „Gib mir die Zange“, bist du nicht da, bist du abwesend, weil du nicht gewartet hast.

Schau dir das Neue Testament an. Da gibt es ein Gleichnis von den sieben törichten Brüdern und den sieben klugen Brüdern. Die Törichten hatten kein Licht in ihren Lampen, die haben nicht gewartet und dann wollten sie auf einmal losziehen, dann war es zu spät. Sei dir ganz sicher, warten heißt: du lernst denjenigen willkommen zu heißen. Der kommt nicht sofort, du musst lernen ihn willkommen zu heißen. Noch deutlicher, er kommt nicht sofort, denn er ist bereits da. Du lehnst ihn ab. Mit deinen ständigen Ablenkungen.

Irgendwann konnte ich sogar als Kind den Moment erleben, wo meine Eltern da waren, sie waren in mir. Ihre ganze Liebe habe ich gefühlt. Ich war nicht mehr alleine, und dann hat es nicht lange gedauert, bis sie außen gekommen sind, weil ich sie willkommen geheißen hatte. Und wenn du das nicht lernst, dann mischt du deine eigenen Vorstellungen ständig rein. Ach, ich könnte ja das machen und das machen. Merkst gar nicht, wie du ungeduldig wirst, merkst gar nicht, wie du den anderen gar nicht mehr willkommen heißt. Und wenn er dann kommt, dann bist du etwas anderem beschäftigt. Weil du nicht gelernt hast zu warten. Oder du bist auch noch ärgerlich und sagst: „Ich habe solange gewartet.“ Nein, du hast keinen Augenblick gewartet. Warten heißt: wirklich nicht etwas anderes tun. Denn wenn du etwas anderes tust, tust du etwas anderes, du wartest nicht. Es hat sehr viel mit Geduld zu tun. Und du kannst dir sicher sein, du brauchst Geduld, denn   »Das Licht ist gekommen»   längst.

Es gibt Übungen, wo du lernen kannst, zu warten. Das ist eine Kunst, warten zu können, wo du den anderen fest in deinen Geist behältst und zwar so, als ob er  jetzt gekommen ist. Du wartest jetzt. Das heißt, er ist in deinem Geist da. Das heißt warten. Warten heißt, in der Gegenwart warten können und dich von allem zu befreien, was dir sagt, er ist noch gar nicht da. Das ist eine spirituelle Übung, warten können. Warten heißt, du tust so, als ob er da wäre. Und alle ablenkenden Gedanken, die berichtigst du, damit du was bemerkst? Du lenkst dich ab. Jeder ist in jedem Augenblick da. Und dann musst du deine Trauer berichtigen, deine Wut berichtigen, dass er nicht da ist, deinen Schmerz, deine Verlassenheitsängste, all das musst du berichtigen Und das kannst du in dieser Welt lernen und dann machst du ganz tiefe Erfahrungen über dich selber. Nämlich, dass du derjenige bist, der sich ständig ablenkt. Nicht, der andere kommt nicht. Das ist überhaupt nicht wahr. Sondern du bist in deinem Geist ständig woanders. Und selbst wenn der andere einen Zeitpunkt sagt: „Ich bin um 15 Uhr da.“ Wartest du dann, spätestens ab halb drei und bist wirklich im Geist mit ihm?

»Heute beginnt die Zeit des Lichts für dich und jedermann.«

Das ist ein anderer Lehrer. Er bringt eine frohe Botschaft, das Evangelium. Das Neue Testament. Was hinterlässt du testamentarisch: »Das Licht ist gekommen.«? »Die alte ist vergangen, ohne eine Spur zu hinterlassen. Heute sehen wir eine andere Welt, denn das Licht ist gekommen.«

Unterschätze nicht die Macht deines Geistes. Warum glaubst du, dass dein Geist nicht die Macht hat, dass er diese Worte ermächtigt, sodass du sie wahrnehmen kannst? Wenn dein Geist Teil von Gottes Geist ist, über welche Macht verfügt er dann? Über alle Macht. Wenn dein Geist alle Macht hat, dann hat er auch die Macht, sozusagen, hinter diesen Worten zu stehen und sie wirklich werden zu lassen.

Ein Filmprojektor hat eine ganz starke weiße Lampe. Wenn der Filmprojektor sozusagen die Macht hat, einen Kriegsfilm nach außen zu projizieren, hat er dann auch die Macht einen Liebesfilm nach außen zu projizieren? Ist der Liebesfilm dann weniger wirklich, weil er vorher einen Kriegsfilm projiziert hat? Oder ist die Macht des Projektors unbegrenzt? Er kann jeden Film wirklich machen, den du da einlegst. Dein Geist kann jeden Traum träumen. Natürlich auch einen Albtraum, das ist nicht verwunderlich. Jesus sagt: „Verwunderlich ist der Wunsch danach.“ Warum glaubst du nicht, dass dein Geist jetzt einen Traum träumen kann, indem die alte Welt ohne eine Spur zu hinterlassen, vergangen ist? Wenn in einem Kino auf einer Leinwand vorher ein Kriegsfilm läuft, und dann läuft ein Liebesfilm. Siehst du dann auch nur den Kriegsfilm oder siehst du den Film, der gerade läuft?

Das sind Gleichnisse, die du benützen kannst. Denn was ist die Welt? Die Welt ist in Wahrheit eine leere Tafel, ein leerer Spiegel. Auf die du irgendetwas projizieren kannst. Das was du wahrnehmen willst. Und solange du noch Spuren von vergangenen Gräueltaten wahrnehmen willst, lehrst du das. Eines ist völlig klar. Wenn du es lehrst, willst du es nicht wahrnehmen. An den Früchten kannst du dich aber erkennen. Jesus sagt dann: „Ja, wenn du es nicht wahrnehmen willst, warum lehrst du es dann?“ Eine Frage der Ursache. Eine Frage deines Willens.

»Unsere Übungen für heute werden glückliche Übungen sein, in denen wir für das Vergehen des Alten und den Beginn des Neuen Dank sagen.«

Und warum soll ich nicht all meine alten besonderen Beziehungen einfach vergehen lassen und den Beginn meiner heiligen Beziehung lehren? Wenn mir schon gesagt wird, dass in diesen heiligen Beziehungen keine Verletzungen mehr enthalten sind, kein Gräuel mehr enthalten ist. Da nichts in ihnen mehr enthalten ist, was irgendjemand früher mal getan hatte. Und darum lehre ich ja gleich am Anfang: Ich vergib dir, was du nichts getan hast. Da beginnt ein neuer Film, eine neue Wahrnehmung. Das ist, als wenn du einen Schauspieler, nehmen wir irgendeinen Schauspieler, Brad Pitt, er hat in dem ersten Film die Rolle des Mörders gespielt. Und in dem Film jetzt, vergibst du ihm, was er nicht getan hat. Welche Rolle spielt er dann? Na, er ist dein Bruder, der dich liebt.

Das ist Berichtigung. Weil du in einer anderen Funktion bist. Weil du willst, dass heute die Zeit des Lichts für dich und jedermann beginnt. Ansonsten willst du wieder sehen, wie der Nachbar seinen Hund tritt, damit du dich da drüber ärgern kannst und noch die Spuren deiner Verletzungen in dir spürst.

Da ist keine Welt, unabhängig von deinem Lernen. Es ist immer nur die Welt da, die du zu sehen wünscht. Widersprüchliche Wünsche sind unberechenbar, weil sie widersprüchlich sind. Und darum sind Liebesbeziehungen, besondere Liebesbeziehungen unberechenbar, weil das ein widersprüchlicher Gedanke ist. Weil es ein widersprüchlicher Gedanke ist, erlebst du in ihnen Leid. Wenn du aber diesen Gedanken aufgibst, und stattdessen heilige Beziehungen willst, dann ist in diesen Beziehungen keine Spur mehr von Leid enthalten.

Und weil du erlöst bist, kannst du dann auch in der Konsequenz erlösen, weil du geheilt bist, kannst du heilen. Heute ersteht die wirkliche Welt in Freude vor uns, damit wir sie endlich sehen.

»Die Sicht ist uns gegeben, jetzt, da das Licht gekommen ist.«

Ich muss nur aufpassen, dass ich mich nicht ständig wieder ablenke, und in meine alten Träume gehe, auf das zu warten, indem ich es hereinführe. Warten heißt, ich warte auf den, auf den ich warte und auf nichts anderes. Und ich beschäftige mich mit nichts anderem, weil dann unser beider Sehnsucht nach einander uns wirklich zusammen bringt. Wenn ich aber ständig etwas anderes mache, dann spürt der andere gar nicht meine Sehnsucht, denn Geister sind verbunden und dann merkt er sozusagen, dass du im Geist da bist und da bist und da bist. Überall, nur nicht bei ihm. Und wenn er das merkt, dann kommt er vielleicht überhaupt nicht. Weil du ja gar nicht auf ihn wartest.

Und ich beschäftige mich mit nichts anderem, weil dann unser beider Sehnsucht nach einander uns wirklich zusammen bringt. Wenn ich aber ständig etwas anderes mache, dann spürt der andere gar nicht meine Sehnsucht, denn Geister sind verbunden und dann merkt er sozusagen, dass du im Geist da bist und da bist und da bist. Überall, nur nicht bei ihm. Und wenn er das merkt, dann kommt er vielleicht überhaupt nicht. Weil du ja gar nicht auf ihn wartest. Dann lenkt er sich auch ab und dann, obwohl ihr euch eigentlich an einem bestimmten Ort treffen wolltet. Dann geht er auf dem Weg dahin, dann trifft er noch einen Kumpel, geht mit dem und du machst das. Schon trefft ihr euch nicht.

Das ist wenn der Geist so viele Ideen hegt, und glaubt, wenn die eine nicht funktioniert, dann kann ich ja die andere benützen. Wer sagt denn, dass es nicht funktioniert? Du brauchst nur Geduld. Es wird funktionieren, wenn du dich nicht ständig ablenkst. Das ist mit Heilungen auch so. Wenn du schwer krank bist, wenn du das ganze Ausmaß der Krankheit in deinem Geist findest und auch noch begreifst, dass du nicht alleine heilen kannst, dann musst du die Krankheiten anderer auch noch in deinem Geist berichtigen, während die Symptome bei dir natürlich auch noch andauern, sie dauern ja bei anderen auch noch an. Und wenn du das alles berichtigst hast, dann bist du mit deinen Brüdern geheilt, das ist Geduld. Wenn du aber jedes Mal sagst: „Na, ich weiß nicht, ich bin ja immer noch krank.“ Und die Heilung wieder zurück nimmst oder auf den anderen schaust und sagst: „Na, der ist ja immer noch nicht da, also kann ich etwas anderes machen oder der braucht mich ja jetzt nicht, also kann ich etwas anders machen.“

Dann bist du wie ein Kind, das ständig neue Ideen hat. Auf diese Weise kannst du aber nicht in einem Sinn und Zweck und bei einem Ziel bleiben. Und darum bleiben ja Kinder auch nicht bei einem Ziel. Sie springen von einem zum anderen. Das nennen sie dann spontan. Ja gut, Kinder sind eben spontan. Erwachsene, weil sie ihren Weg noch nicht gefunden haben. Aber irgendwann musst du dein Ziel gefunden haben. Und dann lässt du dich nicht mehr ablenken. Einem Kind kannst du so etwas noch einigermaßen zugestehen, weil ein Kind noch nicht weiß, was es wirklich will. Aber du solltest allmählich dich dem verpflichtet haben, was du wirklich willst. Und alle ablenkenden Gedanken … stelle dir auch nicht das Licht vor, stell dir nicht vor, wie das sein wird, sondern berichtige ablenkende Gedanken, weil du erlöst bist, kannst du jetzt dich von allem, was noch ablenkt, erlösen. Das ist die Zeit des Wartens, die genau dafür gebraucht wird.

»Unsere längeren Übungszeiten werden der Betrachtung der Welt gewidmet sein, die unsere Vergebung uns zeigt. Das ist es, was wir sehen wollen und nur das. Unser ungeteilter Zweck macht unser Ziel unvermeidlich. Heute ersteht die wirkliche Welt in Freude vor uns, damit wir sie endlich sehen.

Die Sicht ist uns gegeben, jetzt, da das Licht gekommen ist

2 Gedanken zu „Lerne, auf die Gegenwart zu warten …“

  1. Vielen Dank,
    der Bericht ist super anschaulich erklärt.Ich bin jetzt neugierig auf das Warten-lernen.
    Solche Möglichkeiten der Hilfe, im Internet zufinden, ist meine Versöhnung mit dieser
    Technik.
    Vielen Dank für ihr Engagement
    Christa Steyer

  2. wie schön, jetzt !
    wenn da nicht immer das Gedankenkino wäre – oder ?
    ich habe diesen schönen Warte-Beitrag mehrmals gelesen, auch verstanden und wende ihn an wann immer ich mir das Bewusstsein des Jetzt erlaube.
    Erstaunlich was ich in letzter Zeit übrigens beobachte, ich kann wieder weinen, bei scheinbar geringfügigen Erlebnissen.
    Wie wahr übrigens dieser reichhaltige Gedankenbeitrag des „Wartens“ ist, fällt mit bei dem aktuellen Ereignis in Boston auf, Menschen werde zerrissen – ein gutes Beispiel wie man durch richtiges Bewusstsein diesen Schmerz verdauen kann.
    lieb Euch alle, Reinhold

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