Unsere kleinen Brüder

Willy (eigentlich heißt er Pinkus) kam zuerst, schwer verletzt, wurde gepflegt und heilte,  war lange Zeit konkurrenzlos, was Zuneigung und Versorgung betrifft. Er geht gern mit ausgewählten größeren Mitbrüdern spazieren, ist ansonsten zu anderen etwas distanziert.

Rosa war lange Zeit sehr schüchtern, taute langsam auf, hatte auch ihre besondere Beziehung hier, klagte immer leise, wenn man sie ansprach, ging auch mal allein spazieren und besuchte nach dem Weggang ihres Pflegebruders schon mal die Nachbarn, und ging dann  nach Irrungen und Wirrungen zu ihm in den Norden, sie ist wohlauf, wie man hört.

Hugo kam, sah und siegte, war auf der Stelle zu Hause, wahrt selbstbewusst von sich aus keinerlei Distanz, hat zwar seinen besonderen Bruder, ist ansonsten  freundlich und offen für jeden, außer für Willy, warum, hat er nicht gesagt, er ist eben der Senior.

Bhagira kam, sah und siegte scheinbar auch, aber er ist eines Tages einfach verschwunden, lag es an der unklaren Zuordnung zu einem besonderen Bruder?

Als Maja mir zum ersten Mal entgegenkam, sah sie mich etwas unsicher an, als wenn sie sich entschuldigte, da zu sein, so ähnlich wie bei Rosa; als sie ihr anfängliches Exil unten im Turmhaus verlor, zog sie hoch zu uns, ich war erst dagegen, aber inzwischen kommt sie manchmal, wenn ich still dasitze, schreibe oder telefoniere, setzt sich zu mir oder prüft, ob noch mehr Kontakt möglich ist. Was soll man da machen … aber Exil wird sie nicht in meinem Zimmer bekommen (soweit geht es doch nicht), sondern beim Bruder im Nachbarzimmer – das sie ja auch schon gut kennt, wie überhaupt alles hier.

Nico und noch andere kleine besonderen Brüder wohnen wie Willy im Nachbarhaus, sie halten Distanz zum Turmhaus.

Alle sind ziemlich schweigsam, unternehmen kaum etwas zusammen, manchmal sitzen sie einträchtig schweigend nebeneinander, andere gehen gemeinsam mit ihren Pflegebrüdern spazieren oder zum Mittagstisch, der von unserem getrennt ist. Insgesamt suchen sie einzeln schon die Geselligkeit ihrer älteren Brüder, gehen ansonsten aber eher eigene Wege und schauen in ihren Geist oder was immer sie auf ihren Kissen da denken.

Bei den Sessions sind sie kaum noch anzutreffen, anfangs war Willy oft da, aber er hat den Kurs inzwischen wohl so verinnerlicht, dass er kaum noch hingeht, nur zu besonderen Anlässen; auch Maja oder Hugo versuchen ab und zu, es im Zendo auszuhalten (wenn man sie denn reinlässt), oder dösen einfach, manchmal stören sie auch und müssen dann raus.

Man könnte sich und die kleinen Brüdern fragen, was sie denn so hier anziehend finden, denn schließlich werden sie als erstes kastriert, aber diese Frage hat sich längst erledigt. Wir sorgen für sie, ob uns miteinander (wo hat Rosa denn geschlafen, ist Maja noch erkältet, haben die und der sich wieder vertragen, schläft Nico auf dem Bett oder auf dem Balkon usw.) oder jeder einzelne auf seine Weise. Sie machen es einem leicht, sie bedingungslos zu lieben, sie leben vor, dass Geben und Empfangen eins sind, und sie kommen auch ganz gut alleine klar, ohne dauernd etwas zu brauchen, was sie mir auch sympathisch machen, auch wenn sie durchaus kratzbürstig ihre Grenzen zeigen können.

Sie werden vorbehaltlos als geheilt wahrgenommen und heilen alle, früher oder später, ob von frühen Verletzungen, unachtsamen Mitbrüdern, Angst, Scheu, Misstrauen. Irgendwie leben sie uns einen glücklichen Traum vor, als wüssten sie um ihre Göttlichkeit, jedenfalls aus meiner Sicht mindestens zwei davon, und so wie sie uns vergeben, dass wir die Tür nicht immer rechtzeitig aufmachen, so vergeben wir ihnen, dass sie manchmal ziemlich gemein noch kleinere Brüder ins Jenseits befördern und sie uns als ungebetene Gaben anbieten – wie es nun mal ihre Art ist.

Und so wandelt sich meine anfängliche Aversion gegen so viele Katzen um in Akzeptieren, Teilen und Mitheilen. Und irgendwie sehe ich auch weniger Katzen …

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Einige Zeit war auch Fippo hier, er ist jetzt verstorben bzw. hat seinen Körper hinter sich gelassen.

Er war von ganz anderer und besonderer Art, nicht direkt verwandt mit den genannten kleinen Brüdern, schon älter und gebrechlicher, mit einer leidvollen Geschichte hinter sich, da musste viel heilen. Aber schon vor längerer Zeit konnte er durch die Liebe seines Pflegebruders Kathy ein neues Leben beginnen, und das setzte sich hier fort. Er konnte nicht gut allein sein und zeigte sich mit allem wesentlich mehr und direkter als die anderen, auch in seiner ganzen Hilfsbedürftigkeit und Zuneigung, und auch in seiner Freude und Dankbarkeit.

Er verlangte unsere ganze Aufmerksamkeit, speziell die seines Pflegebruders, war überall dabei, gehörte eben dazu. Es war für alle nicht immer leicht, auch für ihn selbst oft nicht, wie man auch hörte, und speziell für mich oft eine Lernhilfe, der ich gerne aus dem Weg gegangen wäre – auch wenn ich wusste, dass alles ein Ruf nach Liebe war, und dieser besondere Bruder eine ganz besondere Lektion bot, die ich zu lernen hatte, um mit ihm zu heilen. Was ich da in meinem Geist erblickte, war auch nicht immer stubenrein, Sachlage hin, Sachlage her.

Hier war mein Lernen wenig erfolgreich, muss ich vergebend sagen. Aber ich sah, dass Fippo zu heilen begann und er nicht alleine, und als kleine Anzeichen beginnenden Mitgefühls in mir für ihn wuchsen (von außen wenig zu sehen), da kam auch die Zeit, dass er uns mit seinem Pflegebruder in ein anderes Zuhause verließ. Auf mich bezogen war es sicher nicht die Lösung, die im Sinne des Kurses nahe bei meinem Problem liegt.

Aber auch so geht das Lernen und Vergeben weiter, und es gibt immer wieder neue Gelegenheiten für mich, doch mal einen Küchen-Hund zu streicheln und etwas in mir  heilen zu lassen.

Aber ich muss ihn nicht in meinem Zimmer haben, nicht wahr … auch wenn ich einem solchen Bruder gerade einen Nachruf geschrieben habe.

 

8 Gedanken zu „Unsere kleinen Brüder“

  1. Als Fippo gestorben ist, in dem Moment habe ich geweint, und dann kam ein tiefer Frieden mit der Situation. Jetzt wollte ich gerade die Session von gestern abend runterladen und lese dies. Die Tränen hören nicht mehr auf zu fließen, sie spülen so viel inneren Gedankendreck und unnötigen Ballast weg, und bringen Heilung, Wärme, Schönheit, Nähe, Freude und ein Stück vom Himmel. Das alles bewirken deine Worte gerade. Raum und Zeit schwinden dahin, Du , Fippo und ich wir sitzen fröhlich in der Küche. Die Sonne blitzt durch das Fenster, gleich ist es neun Uhr, Zeit zur Session zu gehen. Danke Hans, das hier ist Heilung pur und der Beweis dafür, dass diese auch im Nachhinein funktioniert. Ein kleines, nee, in unserem speziellen Fall eher ein großes Wunder. Ich danke dir von ganzem Herzen

  2. Ja, Rosa ist „wohlauf“. Sie hat sich nach anfänglichen Schwierigkeiten im Norden eingelebt. Sie hat große Freunde gefunden: drei Pferde, die auf der Koppel hinter dem Haus grasen. Vom Balkon aus betrachtet Rosa gerne ihr Revier. Und wenn ihre Pfötchen zu kalt werden, schaut sie lächelnd ins Wohnzimmer und springt durch die Tür, die sich dann für sie öffnet.

  3. Ich danke dir geliebter Bruder für deine Kommnetare über die Katzen-Brüder…
    Ich versorge hier in Teneriffa ca. 18 Katzen. Uli kennt sie alle gut. Dank der gemeinsamen Heilung vetragen sie sich so gut und leben freudig im Frieden, dass selbst der Kapf-Kater von nebenan sich in das Friedenteam JETZT saft integriert hat. Sie schmusen alle miteinander und lehren mich sehr viel Geduld. Ja wir heilen gemeinsam. Selbst die grosse pelzige Ratte darf ohne Angriff in Ruhe von „Ihrem“ Wasser trinken und alle schaunen friedlich zu! Für mich ist das ein Wunder!

  4. Liebe Kathy, lieber Hans, lieber Fippo
    Ich trage eure Erfahrung mit in meinem Herzen, schön, dass ihr sie mit allen Brüdern teilt. Ich vermisste Fippo schon, als Kathy auszog, Marian hatte sich mit ihm angefreundert und ging so gern mit ihm spazieren, und den unregelmässigen Herzschlag und die stinkenden Pupse im Zendo……………

  5. Hallo meine Lieben,

    der Beitrag von Hans hat mich sehr berührt, bin ich doch auch eine von denen, die die tiefsten besonderen Beziehungen zu Katzen pflegt.
    Also ist Fippo nicht mehr als Körper unterwegs, da muss ich doch rasch ein paar Tränen zerdrücken. Habe ich ihn bei meinen Aufenthalten auf dem Mölmeshof doch sehr liebgewonnen. Außerdem entnehme ich den Texten, dass Kathy nicht mehr auf dem Mölmeshof weilt. Auch sie hat mein Herz tief berührt mit ihrem Wesen und dem Dialekt. Ich segne sie und wäre glücklich, wenn sie mir einmal ein paar Zeilen schreibt.
    Ich segne euch Alle und bin dankbar, mit euch zu sein.

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